Gegen die Umstände kämpfen, „die Herrschaft der Rücksichtslosen“, gegen das System – das ist ein abwegiger Gedanke für Marie. Die 18-jährige Protagonistin in Sandra Weihs’ Roman Das grenzenlose Und kämpft gegen etwas ganz anderes: gegen das Leben, gegen sich selbst. Sie leidet an einer Borderlinestörung, lebt mit anderen Patientinnen betreut in einer WG und hat sich nun vorgenommen zu sterben.

Gerade hat Weihs mit ihrem Roman, der im Wortsinn unter die Haut geht, den diesjährigen Jürgen-Ponto-Preis für das beste deutschsprachige Debüt gewonnen. Und tatsächlich: Der Ton ist eigen, die Stimme rau, hier spricht kein Opfer – hier denkt und stellt sich eine Protagonistin quer und seziert gnadenlos die Welt um sich herum. Allerdings nur, sofern sie sich betroffen fühlt. Hier provoziert eine Geschichte, an deren Ende jemand sterben und jemand weiterleben wird. Wer aber nach aktiver Weltveränderung, und ja: vielleicht sogar Weltverbesserung sucht, sucht vergeblich.

Mit dieser Themensetzung steht die Autorin, deren Roman über weibliche Adoleszenz übrigens bei der Frankfurter Verlagsanstalt und nicht in einem Jugendbuch-Verlag erschienen ist, nicht allein da. Jugendliteratur ist erwachsener geworden, das beweist nicht zuletzt ihr wachsender Grad an Zumutungen. Mädchenbücher, also Bücher über und für Mädchen und junge Frauen, sind da keine Ausnahme.

Auch 2015 erschienen auffallend viele Titel, von deutschen, englischsprachigen oder skandinavischen Autorinnen, in denen die Protagonistinnen mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen haben, sich selbst verletzen oder gleich ganz verschwinden. Und nicht erst seit diesem Jahr gehören Ritzen, Hungern, Fressen, Kotzen, Depression und Selbstmord zum inhaltlichen Repertoire. Macherinnen, die neugierig auf die Welt sind, fehlen. Die Stärke der Protagonistinnen liegt vielmehr in offensiver Schwäche, im Grübeln über sich und die direkte Umgebung. Sie kämpfen nicht für, sondern gegen etwas, mit Konsequenz, Brutalität und (Selbst-)Zerstörungswut – gerade so, als wäre weibliche Selbst(er)findung nur unter Schmerzen zu haben.

Immerhin: Im Sachbuch wird unter dem programmatischem Titel Glückwunsch, du bist ein Mädchen (Beltz & Gelberg) zu Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit angeleitet. Als Biografie ist die Lebensgeschichte der Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai (Fischer KJB) Vorbild. Und im weiten Feld der Fantasy schlagen starke Mädchenfiguren heldenhaft neue Schlachten, indem sie für ihre Ideale kämpfen (und schlachten), was das Zeug hält.

Es gibt also diese starken Mädchen, die aufbrechen und sich in die Welt einmischen und sich dort behaupten, die nicht nur um sich selbst kreisen. Im erzählenden Mädchenbuch kommen sie jedoch so gut wie nicht vor.

Warum? Sollen Mut, Stärke, Eigensinn nur im Irrealis der Fantasy möglich sein? Ist die wirkliche Welt zu komplex und Rückzug die einzig naheliegende Antwort? Steht dahinter gar das buchmarktinterne Gesetz der ständigen Überbietung, das Wissen darum, dass Tod und Verderben sich immer verkaufen? Oder trauen die Verfasserinnen dem „schwachen Geschlecht“ das Widerständige, das (Selbst-)Befreiende einfach immer noch nicht zu?

Gleich zwei Autorinnen jedenfalls lassen ihre Heldinnen auf der Suche nach ihrer Identität verschwinden. In Alles so leicht (Thienemann) von Meg Haston geht es um das Thema Essstörung. Stevie fühlt sich schuldig am Verlust der Mutter, am Tod ihres Bruders, sie geht außerdem falschen Freundinnen auf den Leim. Fortan hungert sie sich aus dem Leben. Die Autorin weiß, wovon sie spricht. Schreiben sei für sie Rettung gewesen, sagt sie. In der Tradition jugendliterarischer Warn- und Aufklärungsbücher gibt sie einen Einblick in das System kontrollierter Selbstvernichtung. Sogar sich selbst nennt Haston eine „Überlebende“.

Auch Anne Lise verschwindet, und zwar in dem Roman Zum Glück bemerkt mich niemand … dachte ich (Sauerländer) von Liv Marit Weberg. Lakonisch beschreibt Weberg, wie Anne Lise sich vor lauter Unlust zu leben immer mehr verkriecht, statt sich wie alle anderen um Studium, Job oder die Beziehung zu kümmern. Sie meint, allen möglichen Erwartungen genügen zu müssen – und reagiert wie ein weiblicher Bartleby: „Ich möchte lieber nicht.“

Am weitesten in Sachen Verweigerung geht die australische Autorin Dianne Touchell. In Kleiner Wahn (Königskinder) lieben Rose und Michael einander, schlafen miteinander und verhüten nicht. Rose wird schwanger, doch sie leugnet ihre Schwangerschaft vehement und glaubt sich schließlich selbst. Als das Baby tot geboren wird, vergraben Rose und Michael es im Busch. Die Leiche wird gefunden, die jungen Eltern werden verhaftet. Als Täter? Als Opfer? Dem Ungeheuren begegnet Touchell mit ungeheurer Nüchternheit. Normalität, hinter zugezogenen Gardinen inszeniert, ist Fassade für Abgründe. Das Leben ist vorbei, ehe es überhaupt angefangen hat. Der letzte Satz dieses verstörenden Textes über eine weibliche Jugend lautet: „Wir haben es fast geschafft, Rose.“

Geschafft – aber was? Was sind diese Romane? Bestandsaufnahme? Bankrotterklärung? Annäherung an aktuelle gesellschaftliche Realität von Frauen über Frauen für Frauen?

Wenn sie Letzteres sein möchten, zeigen sie allenfalls einen Ausschnitt. Gerade hat die 17. Shell-Jugendstudie jungen Menschen zwischen 12 und 25 Jahren Zielstrebigkeit bescheinigt. Tolerant seien sie, ausgestattet mit einem festen Wertesystem, realistisch, politisch interessiert. Von all dem ist in aktuellen Mädchenbüchern (noch) nichts angekommen. Sind Mädchen nicht Teil dieser Generation? Glaubt man heutigen Büchern, ist die Antwort: Nein. Politik, Aufbegehren, selbstbewusste Auseinandersetzung mit Umwelt und Gesellschaft finden da nicht statt. Mal effektvoll, mal literarisch anspruchsvoll geben die neuen Bücher vor, viel vom Leben zu wissen, und verharren doch in einem kleinen Teilstück des Lebens.

„Vom Glück lässt sich nicht erzählen“, hat Mirjam Pressler einmal gesagt und dabei 1994 selbst einen Roman geschrieben, der das Glück nicht nur im Titel trägt: Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen handelt davon, wie sich weibliche Identität unter Extrembedingungen entwickeln kann. Weichgespült ist an dieser Geschichte gar nichts, aber Halinka, das jüdische Mädchen, das im Heim lebt und schikaniert wird, findet sich nicht mit den Umständen ab. Sie nimmt ihr Leben in die Hand. Das zieht sich wie ein roter Faden durch Presslers umfangreiches Werk.

Mädchen und junge Frauen, die in soziale Zusammenhänge eingebunden sind, die Freunde haben, die lieben, enttäuscht werden, verlieren, verzweifeln, weitermachen: Für das erzählende Mädchenbuch wäre es ein Perspektivenwechsel. Realistische Geschichten über Mädchen, die im Leben stehen, für Leserinnen, die im Leben stehen oder das zumindest anstreben – auch diese Haltung ist Teil der Wirklichkeit.